Wo ist der Arbeitsplatz von Lehrer*innen?

Ist Heimarbeit Last oder Privileg?

Lehrer*innen arbeiten in der Schule? Auch, aber nicht nur. Der heimische Schreibtisch ist als Arbeitsplatz genauso bedeutend wie Klassenraum und Lehrerzimmer. Dienstherr und vor allem Schulträger deuten an, das ändern zu wollen – ob sie sich das wohl gründlich überlegt haben?
Wo ist der Arbeitsplatz von Lehrer*innen?

Foto: Tama66 / pixabay

Eigentlich scheint die Sache ganz klar zu sein: Lehrer*innen arbeiten in der Schule. Allerdings gibt es vieles, was sich in der Schule nicht oder nicht richtig gut erledigen lässt: Unterricht planen, Arbeiten korrigieren, Konzepte schreiben, und, und, und. Dafür braucht man nämlich einen hinreichend großen Schreibtisch, einen PC mit Internetanschluss und außerdem ein gut gefülltes Regal mit den relevanten Fach- und Schulbüchern, Richtlinien, Lehrplänen und was sonst noch so nötig ist.

Auch die eigene Wohnung ist Arbeitsplatz

Lehrer*innen leisten ganz grob geschätzt etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit am heimischen Schreibtisch ab, das ist auch der Grund, weshalb Arbeitszimmer und Einrichtung sowie Verbrauchsmaterialien steuerlich absetzbar sind: Sie sind für die Ausübung des Lehrer*innenberufs unentbehrlich.

Die Möglichkeit, einen großen Teil der Arbeitszeit zu Hause zu verbringen und diesen Teil der Arbeit außerdem nach eigenem Gutdünken einzuteilen ist ein Privileg, das trotz des Trends zum Homeoffice keinesfalls selbstverständlich ist. Auch wenn steuerlich absetzbar natürlich nicht dasselbe ist wie vom Arbeitgeber bezahlt, möchten wahrscheinlich nur wenige Lehrer*innen darauf verzichten.

Keine Arbeit am Privat PC = Keine Arbeit zu Hause?

Genau das aber wird – mal mehr, mal weniger subtil verpackt – nun angedroht. Und zwar deshalb, weil angesichts der auf privaten Computern und Tablets kaum zu erfüllenden Datenschutzvorschriften Gewerkschaften und Verbände das Thema »Dienstgeräte zur Verarbeitung von Schüler*innendaten« erneut auf die Agenda setzen. Die Forderung nach einem geeignet eingerichteten und abgesicherten Dienstgerät ergibt sich daraus, dass die Arbeit mit Schüler*innendaten am heimischen Privat-PC ist den meisten Lehrer*innen nicht gestattet ist.

Ein Dienstgerät für alle Lehrer*innen ist zumindest einigen der Adressat*innen, nämlich dem kommunalen Dachverband (als Vertreter der Schulträger) und einigen Personen in der Bezirksregierung zu teuer. Sie drehen den Spieß um und erklären, die Frage danach, wo der Arbeitsplatz von Lehrer*innen liege, neu stellen zu wollen. Was sie damit meinen: Wenn Lehrer*innen weiterhin Dienstgeräte fordern, könnte es sein, dass sie diese zwar erhalten, aber nicht zu Hause, sondern als fest installierte Geräte im Schulgebäude samt einer Präsenzpflicht am Arbeitsplatz. In anderen Worten: Lehrer*innen sollen die Forderung nach Dienstgeräten lieber fallen lassen, da sie sonst mit dem Verlust des Heimarbeitsprivilegs bestraft werden könnten.

Neue Arbeitsorte, neue Arbeitszeiten?

Was würde das bedeuten? Die selbstständige Einteilung des halben Arbeitstages wäre weitgehend Geschichte. Vorbereitet, korrigiert und konzipiert würde am Nachmittag nach der Schule und nicht mehr abends oder gar nachts und am Wochenende, wie es heute vielfach der Fall ist. Diesem Nachteil stünde der Vorteil gegenüber, dass die Arbeit nicht mehr mit nach Hause genommen würde. Der Abend wäre tatsächlich frei. Und auch wenn die Arbeit in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht zu schaffen ist, würde die Schule trotzdem abgeschlossen, der PC abgeschaltet – die bereits vielfach gemessene und dokumentierte Mehrarbeit würde deutlich sichtbar, wäre nun aber nicht mehr das Problem der Lehrer*innen.

Und für den Arbeitgeber? Möglicherweise lässt sich der eine oder andere Laptop einsparen, wenn Lehrer*innen nicht zu Hause, sondern in der Schule arbeiten und die Geräte geteilt werden. Die Frage ist aber ja nicht nur wo der Arbeitsplatz ist, sondern auch wie er einzurichten ist. Und Büroarbeitsplätze für das ganze Kollegium zu schaffen, erfordert in jedem Fall aufwändige Neubauten und teure Einrichtungen. Es dürfte klar sein: Die Idee Lehrer*innen zur Arbeit ganztags in der Schule zu halten, kann für die einzelne Lehrer*in, je nach der persönlichen Situation überweiegend vorteilhaft oder auch nachteilig sein. Für den Schulträger wäre diese Lösung aber in jedem Fall immens teuer, in beengten Raumverhältnissen oft gar nicht umsetzbar.

Es ist also, mit anderen Worten, entweder ein leeres Versprechen oder eine leere Drohung, in jedem Fall aber: Leer.

Es geht auch anders!

Statt reflexhaft mit leeren Drohungen letztlich unausweichliche Ausstattungs-Upgrades abzuwehren, stünde es allen Beteiligten gut an, gemeinsam nach einer praxistauglichen Lösung zu suchen. Es gibt Schulen, an denen die Lehrer*innen bereits jetzt mit Dienstgeräten ausgestattet sind. Das funktioniert, und es ist, bezogen auf die gesamten Personalkosten gar nicht einmal so teuer, wie immer getan wird. Lehrer*innen werden so nicht nur finanziell  entlastet, sondern müssen sich vor allem keine Sorgen mehr um die fachgerechte IT-Administration und eventuelle juristische Konsequenzen machen. Aufgabengebiete, für die sie ja gar nicht ausgebildet sind.

Wer die Digitalisierung der Schule zu einem Erfolg machen will, wird dies nicht zum Billigtarif und sicher nicht auf Kosten und Risiko der Lehrer*innen erreichen.